Die alte Mär vom erfolgreichen Frühaufsteher

Stefan - 28. März 2008

Eigentlich dachte ich, es hätte sich langsam rumgesprochen, dass es nicht die eine Methode gibt, die allen Menschen gleichermaßen hilft, ihre Ziele zu erreichen. Ein gutes Beispiel für die Berücksichtigung der unvermeidlichen Tatsache, dass Menschen unterschiedlich sind, ist das Buch über die „Kreativen Chaoten“, das ich hier kürzlich besprochen habe. Doch nun stolpere ich über einen Artikel, der die alte Mär vom erfolgreichen Frühaufsteher weiterspinnt ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Menschen unterschiedlich sind.

Hier sind einige der alten Kamellen, die im Artikel wiedergekaut werden:

Wer unterbrechungsfrei arbeiten und produktiv sein will, sollte von Führungskräften lernen und früh aufstehen.

Ich habe keine Ahnung, ob wirklich (fast) alle Führungskräfte, wie im Artikel behauptet, früh aufstehen. Das ist mir aber auch herzlich egal. Denn der Autor hat hier den klassischen Logikfehler begangen: Weil viele Führungskräfte Frühaufsteher sind, so die Schlussfolgerung, muss es wohl am frühen Aufstehen liegen, dass sie Führungskräfte geworden sind. Offenbar wird kein Gedanke daran verschwendet, dass das ganze genau umgekehrt sein könnte: Weil von Führungskräften erwartet wird, früh aufzustehen, tun diejenigen, die eine derartige Karriere anstreben das dann auch.
Es wäre mal sehr spannend, zu untersuchen, welcher Schaden in Unternehmen entsteht, weil Führungskräfte nicht entsprechend ihres eigenen Biorhythmus arbeiten, sondern so, wie sie glauben, dass es opportun ist.

Ein frischer Morgen hat etwas ungemein belebendes und inspirierendes. Viele Frühaufsteher nutzen ihn, weil er es ihnen ermöglicht in voller Konzentration und unterbrechungsfrei zu arbeiten.

Klasse, wer gerne früh aufsteht, für den ist ein früher Morgen sicherlich etwas wunderschönes. Ich finde hingegen, die Nacht hat etwas äußerst anregendes. Ich kann nachts wunderbar arbeiten. Nie bin ich so konzentriert und unterbrochen werde ich auch durch nichts und niemanden.

Überlegt mal, wenn ihr kennt, den ihr für besonders produktiv haltet. Ich wette, wenn ihr nachfragt, werdet ihr herausfinden, dass die Person ziemlich früh aufsteht.

Tja, wenn ich den Test mache, stelle ich fest, dass genau die Leute, die ich für wenig produktiv halte, häufig früh aufstehen. Aber das ist genau so zufällig, wie ein umgekehrtes Ergebnis.

Auch der größte Langschläfer und Morgenmuffel schafft es dann mit dem ersten Weckerklingeln (oder sogar noch davor) aus dem Bett zu springen und die Fahrt in den Urlaub anzugehen.

An dieser Stelle verlassen wir die sachliche Argumentation komplett und halten den Nachtmenschen das alte Vorurteil vor, dass sie im Grunde ihres Herzen einfach nur faul sind. Abgesehen davon, dass ich auch zum Urlaub fahren nicht gerne aufstehe, frage ich mich, woher der Autor diese Gewissheit nimmt und solche Verallgemeinerungen anstellt?

Sicherlich ist es für jeden, der anstrebt, ein erfolgreicher Manager in einem großen Unternehmen zu werden, empfehlenswert, sich im-Früh-aufstehen zu üben. Denn das wird in den meisten Fällen von ihm verlangt werden. Dass aber Frühaufsteher per se produktiver sind, ist ein Märchen. Ich könnte jetzt anfangen und berühmte Wissenschaftler aufzählen, die allesamt notorische Nachtmenschen waren – Albert Einstein und Wolfgang Pauli etwa. Aber das wäre genau so exemplarisch und damit ohne Aussagekraft wie die Behauptung, als Frühaufsteher wird man erfolgreicher weil viele Erfolgreiche Frühaufsteher sind.

Abschließend muss ich natürlich noch auf diesen aktuellen Spiegel-Artikel verweisen: Chronobiologie – Trost für Eulen und Lerchen

Molekularbiologisch scheint damit endlich bewiesen, dass Lerchen und Eulen nicht anders können, selbst wenn sie wollten: „Der Unterschied steckt in den Genen, die Chronotypen sind angeboren“, konstatiert Kramer. „Ein Spättyp kann seine innere Uhr weder durch Lichttherapie noch durch die Gabe von Melatonin so umpolen, dass aus ihm plötzlich ein Morgenmensch wird.“

Abgelegt in: Business

20 Kommentare:

Hallo Stefan,
hier ist „der Autor“ (überlege gerade, dass jemand über einen generischen Begriff zu abstrahieren es leichter macht, harte Aussagen zu treffen). Ich gebe gerne zu, dass manches in dem Artikel stark vereinfacht war – sowas nennt man Provokation 😉 Allerdings habe ich ein paar Tage danach noch einen weiteren Artikel zu dem Thema geschrieben, der manches relativiert: http://imgriff.com/2007/06/08/der-morgen-danach/

Ich stehe übrigens weiter dazu, dass ich es viel häufiger beobachte, dass das Spätaufstehen als Ausrede benutzt wird, weil Leute wirklich faul sind als dass sie tatsächliche Nachtmenschen sind. Mit dem ersten Artikel wollte ich die Leser ein bisschen provozieren, sich zu fragen, wie das bei ihnen ist.

Es ist ja bewiesen, dass das Gehirn morgens zwischen 8 und 11 Uhr (oder ähnliche Zeit) am besten arbeitet. Bin abends immer viel zu müde um zu arbeiten und hab da eher besseres vor. Zum Beispiel schlafen. Aber das muss jeder für sich selbst bestimmen. Kommt ja auch drauf an, wie dein Tag aussieht.

Meiner Meinung nach arbeite ich effektiver, wenn ich ausgeschlafen bin. Um 7 Uhr in der Früh bin ich einfach nie ausgeschlafen. 🙂

Johannes, tja, wenn man richtig auf den Anfang deines Artikels achtet, dann findet sich dort tatsächlich auch dein Name. Sorry, hatte ich übersehen. Aber keine Angst, ich kann dich auch mit Johannes anreden und trotzdem hart antworten. 🙂
Du sagst, Spätaufstehen sei häufig eine Ausrede für Faulheit. Da verknüpfst du schon wieder die zwei Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben: Aufstehen und Arbeitsmoral – das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Faul ist, wer wenig arbeitet. Ende und aus. Wer am Tag nur drei halbwegs produktive Stunden zusammenbringt, ist faul, ganz egal, ob er um 5 Uhr aufsteht oder erst um 11 Uhr. (Eigentlich müsste der zentrale Satz lauten: Faul ist, wer wenig produktiv arbeitet – aber dann ist er nicht mehr so schön prägnant.)
Ich hatte bei einigen Kollegen im Übrigen oftmals das Gegenteil beobachtet: Sie stehen früh auf, sitzen schon um 7 Uhr in der Firma, sind dann aber müde und arbeiten wenig produktiv. Und das nur, damit sie um halb vier Feierabend machen können. Das verrückte daran ist: Niemand beschwert sich über diese Menschen, da sie ja ach so fleißig sind – schließlich stehen sie ja schon so früh auf. Und wer früh aufsteht, ist nach allgemeiner Ansicht, wie dein Artikel eindrucksvoll belegt, per se fleißig. Und gegen diesen Unsinn wehre ich mich vehement.
Nun zu deinem Fortsetzungsartikel: „Wenn ich später aufstehe, ist das meistens damit verbunden, dass ich noch im Bett rumliege, obwohl ich schon wach bin.“ – Das ist kein Spätaufstehen, sondern Faulenzen. Mit dieser Definition von Spätaufstehen müsste dein Credo lauten: Faulenzer sind faul. Spätaufstehen bedeutet aber im Gegensatz, deutlich später aufzustehen als die gesellschaftliche Norm das zugestehen mag.
„Ich würde bei dem Thema, wie bei allen anderen auch, dazu raten, zu experimentieren.“ – Ja, jetzt wird’s langsam vernünftig. Du bist offenbar ein Typ, der mit einem „frischen und freien Kopf“ am besten arbeiten kann. Das geht bei mir gar nicht. Wenn mein Kopf zu frisch ist, herrscht das blanke Chaos. Ich brauch da eher den Verlauf eines Tages, um Ordnung reinzubekommen. Wenn ich den Zustand am Nachmittag erreicht habe, kann ich erst richtig produktiv arbeiten.

Tom: „Es ist ja bewiesen, dass das Gehirn morgens zwischen 8 und 11 Uhr (oder ähnliche Zeit) am besten arbeitet.“
Das Gehirn? Nur eines? Ich dachte, die Milliarden Menschen hätten Milliarden Gehirne. Oder sind wir doch nur Teil der Matrix und es gibt nur ein Gehirn?
Genau gegen diese Art Verallgemeinerung wehre ich mich. Denn das ist ausgemachter Unfug. Ich weiß z.B., dass mein Gehirn nicht vormittags am besten arbeitet. Und der am Ende des Posts verlinkte Artikel „Chronobiologie – Trost für Eulen und Lerchen“ berichtet von einem aktuellen Forschungsresultat, das deine Behauptung, „das Gehirn“ würde morgens am besten arbeiten, ebenfalls ad absurdum führt.

Also um ehrlich zu sein kommt auf die Jahreszeit an. Im Sommer arbeite ich ungern nachts. Aber da’s im Winter sowieso so früh dunkel wird, kann ich mich am späten Abend auch noch einigermaßen konzentrieren….

Ich stimme Semi bei nur ausgeschlafen bin ich den Tag über zu etwas zu gebrauchen.

Danke für den interessanten Beitrag, ich halte auch nichts von solcherlei Pauschalisierung und Fehlschlüssen. Am dümmsten ist tatsächlich der Rückschluss, dass weil erfolgreiche Manager meist früh aufstehen, wer erfolgreich sein will, auch früh aufstehen muss. Viele erfolgreichen Manager essen Mohrrüben. Also muss jeder, der Mohrrüben isst, erfolgreich werden.
Ich persönliche stehe immer früh auf, weil ich am Vormittag sehr produktiv arbeiten kann. Das liegt sicher auch daran, dass ich nicht so schnell abgelenkt werde, zumindest wenn ich zuhause arbeite. Am Abend und in der Nacht kann ich eher kreativ arbeiten, weil ich da bereits den Tag über eine Menge Eindrücke aufgenommen habe, die ich dann (kreativ) verarbeiten kann.

Es wurde doch schon in Studien bewiesen, das ein ausreichender Schlaf besser ist als zu wenig.

Ich denke jeder hat seinen eigenen Bioryhtmus. Wenn der gestört wird, ob durchs frühe oder späte Aufstehen, wird man unproduktiv.
Bei mir selber hab ich festgestellt, dass ich morgens am effektivsten bin (vorrausgesetzt ich bekomm ienen Kaffee 😉 )

Kaffee ist sowieso ein Muss, egal ob Früh- oder Spätaufsteher …

Irgendwie bin ich auch kein Frühaufsteher und ich schlafe am Wochenende dann schon einmal länger aus. Es ist in der Tat so das man vormittags mehr schafft und man nach dem Mittag Essen irgendwie träger wird.
Gruß
Briefkasten Micha

Also meiner Meinung nach braucht nicht früh aufzustehen um viel zu erreichen aber es stimmt; es fördert die Sache sehr und darüber hinaus ist ein solcher Tagesrüthmus ja auch noch gesund sofern man auch ausreichend Schlaf hat.
Aber ich finde auch, dass die meisten Spätaufsteher, die nichts geschafft bekommen, sich auch nicht eingestehen wollen, dass es am Spätaufstehen liegt.

@Micha:
„Es ist in der Tat so das man vormittags mehr schafft“
Du meintest wohl: Es ist in der Tat so, dass DU am Vormittag mehr schaffst!? Denn wieso sollte „man“ (vulgo jeder) mehr schaffen am Vormittag? Das ist doch genau das Märchen, gegen das ich hier anschreibe!

@Chris:
Wieso sollte ein Frühaufsteher-Rhythmus, gesünder sein? Ich habe z.B. persönlich das genaue Gegenteil erfahren, dazu wird’s auch bald mal nen Post geben.

Ich denke auch das man Vormittags viel mehr shafft, nach dem Mittag hat man nunmal meist ein Mittagstief und daher ist das mit dem Früh aufstehen, gar nicht so schlecht

Bei mir besteht das Problem, dass ich am Abend einfach nicht früh schlafen gehen kann, deshalb muss ich am Vormittag länger schlafen. 🙂

Ich wurde mit der positiven Eigenschaft gebohren. Morgens früh aufzustehen und abends spät ins Bett zu kommen;) Meist nicht vor um 2. Der Tag hat eben nur 24 h, irgendwie muss man die kurze Zeit ja nutzen^^

Hihi, witzige Thematik – ich kann Stefan aber nur bestätigen, ist von Person zu Person einfach verschieden & Frühaufsteher sind nicht per se die erfolgreicheren Menschen.

Komme selbst auch nur mit „spätem“ Aufstehen (ab etwa 09:30 Uhr) & Kaffedoping zurecht, laufe dann ab frühem Nachmittag warm & erst so ab 22 Uhr zu Höchstform auf – ist glaub aber auch SEO- & Internetfuzzi-typisch, da man Abends/Nachts die meiste Ruhe hat & endlich mal niemand mehr anruft 😉

Es ist bewiesen, dass das Gehirn von morgens 8-11 Uhr am besten arbeitet? Also ich arbeite bis 4 Uhr nachts und schlafe bis 11 :-)… Was könnte ich leisten wenn ich wirklich mal morgens arbeiten würde 🙂
Ich denke, dass es insgesamt eine große Gewöhnheitssache ist.
Man gewöhnt sich auch früh aufzustehen wenn man dies immer machen muss….

Ich bin da auch eher der Nachtmensch. Heißt ja nicht das ich nicht effektiv Arbeiten kann nur weil ich kein Frühaufsteher bin. Zumal ja jeder seinen eigenen Rhytmus hat.

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