Selbstmanagement – Erfahrungen eine Chaoten und die Hilfestellung eines neuen Buchs

Stefan - 18. März 2008

Eine Frau, die mich nicht kennt, hat ein Buch über mich geschrieben. Ich hab das kürzlich in der Auslage eines Zeitschriftenkiosks am Münchner Flughafen entdeckt und mit der Handykamera fotografiert, damit ich mir den Titel nicht merken muss. Ich wollte mir das Buch nicht gleich mitnehmen, sondern erst ein paar Meinungen dazu im Web nachlesen. Einige Tage später also hab ich in Amazon nach dem genauen Titel gesucht, denn das Foto auf der Handykamera hatte ich bereits wieder vergessen. Aber mein Gedächtnis funktioniert gut, ich wusste sogar den Namen der Autorin noch. Die Bewertungen bei Amazon überzeugten mich und auch die Begleitwebsite wirkte interessant, also besorgte ich mir bei Amazon die ISBN-Nummer und bestellte das Buch bei meinem örtlichen Buchhändler, dessen Telefonnummer ich mir über Yahoo besorgte, da Google zu jener Zeit nicht erreichbar war.

Sie meinen, das klingt alles etwas chaotisch? Ja, die Autorin, die dieses Buch über mich geschrieben hat, ist der gleichen Ansicht. Das Buch trägt den schönen Titel “Organisieren Sie noch oder leben Sie schon?” und den viel schöneren Untertitel “Zeitmanagement für kreative Chaoten”. Natürlich wird mein Name in dem Buch kein einziges Mal erwähnt, zumindest nicht auf den ersten gut hundert Seiten, die ich inzwischen durchgearbeitet habe. Aber ich habe inzwischen mehr als fünf Absätze entdeckt, in dem die Autorin Cordula Nussbaum genau mich beschrieben hat; da gibt es keinerlei Zweifel, niemand anders kann dort Vorbild gestanden haben! Auf der bereits angesprochenen Website zum Buch www.kreative-chaoten.com findet sich ein Test, der aufdecken soll, ob man selbst eher ein “kreativer Chaot” oder ein “logischer Ordner” ist. Ich finde solche Tests für gewöhnlich amüsant, aber kaum einmal wirklich erhellend. Doch das Ergebnis des Tests, der sich auch im Buch wiederfindet, war ein Volltreffer: In vielen Teilen der Beschreibung entdeckte ich mich selbst.

Eigentlich kommt das Buch mindestens ein Jahr zu spät für mich. Denn ich habe bereits vor einem Jahr beschlossen, mein chronisch schlechtes Gewissen über meine recht chaotische Selbstorganisation sein zu lassen und mich jeweils so zu organisieren, wie ich das seit eineinhalb Jahrzehnten recht erfolgreich gemacht habe: Mit Schmierzetteln für anstehende Aufgaben, kleinen Kladden für Notizen von kleinen Einfällen und großen Geistesblitzen, mit Post-It-Zetteln auf dem Schreibtisch und mit diversen To-Do-Listen im Computer. Oder auch mit kleinen Kladden für die Aufgaben, Schmierzetteln für die Geistesblitze und Mind-Maps im Computer für Konzepte. Je nachdem, wie ich gerade aufgelegt bin. Und damit ich die Vielzahl an Zetteln nicht verliere, habe ich mir im Laufe der Jahre die diversesten Ringbücher, Kladden und Time-Planer zugelegt, die es in den gut sortierten Schreibwarenläden so gibt. So besitze ich derzeit von Filofax sowohl einen großen Planer im DIN A5-Format als auch einen kleinen in “Pocket”-Größe, was wohl ungefähr DIN A7 entsprechen dürfte. Von Time/system habe ich einen ähnlich kleinen, aber etwas länglicheren Planer im schicken Lederetui, der den Vorteil hat, dass er zusätzlich einen meiner vielen Moleskines aufnehmen kann. Von Eastpak, dem Hersteller der stabilen Rucksäcke, habe ich einen Organizer im Format A6, der farblich und vom Material her wunderbar mit meinem neuen Computerrucksack vom selben Hersteller harmoniert. Und je nach Lust und Laune wechsle ich zwischen diesen jeweils auf ihre eigene Art sehr schönen Hilfsmittel.

Ich muss zugeben, bis vor kurzem habe ich mir nicht eingestanden, dass ich nach Lust und Laune wechsle, sondern hab mir eingeredet, dass wechselnde Anforderungen jeweils wechselnde Hilfsmittel erfordern würden. Und wechselnde Anforderungen hatte ich die letzten Jahre zur Genüge. Erst Cordula Nussbaums Buch machte mir klar, dass das eine Ausrede war und ich als Chaot einfach immer wieder mal was Neues ausprobieren muss. “Organisieren Sie noch oder leben Sie schon?” wird also meine Arbeitsweise nur wenig verändern, aber es macht mir Dinge, die ich bisher getan habe, deutlicher und erklärt, warum ich das so mache und warum das auch gut so ist.

Der große Unterschied zu anderen Zeitmanagement-Büchern oder -Ansätzen ist, dass die Autorin von der eigentlich offensichtlichen Annahme ausgeht, dass Menschen verschieden sind. Was immer ich sonst über Zeit- oder Selbstmanagement gelesen habe, habe ich nach wenigen Seiten wieder angewidert weggelegt. Denn früher oder später kamen in den klassischen Machwerken Vorschläge, die ich im Lauf der Jahre intensiv ausprobiert hatte und bei mir nie funktionierten: “Planen Sie für jede Aufgabe die benötigte Zeit fest in Ihren Tagesablauf ein”, heißt etwa ein fundamentaler Tipp. Toll! Mein Tagesablauf besteht aus “ich stehe irgendwann am frühen Vormittag auf”, “ich werde mittags rum etwas essen” und “ich gehe irgendwann nach 23 Uhr ins Bett” – alles andere ergibt sich aus der Großwetterlage. Wie soll ich da einplanen, dass ich von 13:30 Uhr bis 13:50 Uhr ein Konzept für meinen Vortrag auf der nächsten Konferenz erstellen werde? Was tue ich, wenn da mein Biorhythmus gerade einen auf müde macht?

Auch die so häufig gepriesene Getting Things Done-Ideologie (GTD) funktioniert nicht für mich. Laut GTD soll ich alles aufschreiben was irgendwie wichtig sein könnte. Okay, das mache ich eigentlich immer, ich hab ja meine Schmierzettel, Post-Its, Kladden und Zeitplaner und irgendetwas davon ist immer griffbereit. Kein Problem soweit. Aber die Unterteilung all der zu notierenden Dinge in “Kontextlisten” und “andere Listen” und “Aufgaben” und “Projekte” und “Nächste Schritte” – bis ich das alles gemacht habe, ist ja die Woche längst rum. Immerhin hat die GTD-Bewegung eine sehr schöne und zumindest derzeit noch kostenlose To-Do-Listen-Software hervorgebracht: Tudumo. Damit verwalte ich zur Zeit meine Aufgaben, aber ich glaube, das wird nicht mehr lange gut gehen, denn die Listen werden bereits zu lange – ein untrügliches Zeichen, dass es Zeit wird, auf ein anderes System zu wechseln.

Wenn Sie immer noch zweifeln sollten, ob Sie das erwähnte Buch wirklich benötigen, gebe ich Ihnen noch eine Hilfestellung. In der Einleitung zu Kapitel 2 ist ein Zitat von Albert Einstein, das ich gerne als Desktop-Hintergrund nutzen würde, wenn vom Desktop-Hintergrund auf meinem Rechner (eigentlich sind es mehrere Rechner, ich wechsel da gerne mal zwischen Windows- und Mac-Notebooks) vor lauter abgelegten Files noch etwas zu sehen wäre:

Wenn ein unordentlicher Schreibtisch auf einen unordentlichen Geist hinweist, worauf deutet dann ein leerer Schreibtisch hin?

Natürlich wird auch dieses Einstein-Zitat von den Ordnungsfanatikern angefeindet, etwa in diesem typischen Artikel auf Gulp: “Land unter” auf Ihrem Schreibtisch? Mit der Ignoranz der meisten einschlägigen Autoren werden dort Tipps gegeben, die einem Ordnungsfanatiker ähm einem “logischen Ordner” entsprechen. Doch hat der typische “logische Ordner” in den meisten Fällen einen aufgeräumten Schreibtisch, sonst wäre er ja kein “Ordner”. Wie aber sollen die Tipps eines “logischen Ordners” einem “Chaoten” helfen? Da müsste sich der “Chaot” ja komplett zum “Ordner” wandeln – daran, Menschen komplett zu ändern, sind schon ganz andere Ideologien gescheitert. Natürlich werden die üblichen Vorurteile durch “repräsentative Umfragen” untermauert: So seien “Volltischler weniger erfolgreich”. Dass die Umfrage von einem Informationsdienst in Auftrag gegeben wurde, der davon lebt, die klassischen “Ordner”-Tipps abzugeben, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Den Schreibtisch zu entrümpeln, ist nur ein allererster Schritt, der aber nur Symptome bekämpfe, heißt es im Gulp-Artikel. Und weiter: “Wenn Sie nicht Ihr Denken und Verhalten ändern, ist der Schreibtisch im Nu wieder voll.” Mal langsam: Mir wird eingeredet, dass ein leerer Schreibtisch besser bei meinen Mitmenschen ankommt. Schön. Damit ich aber langfristig einen solch schönen leeren Schreibtisch habe, soll ich mein Denken verändern? Was für ein Wahnsinn! Immerhin setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass ein oberflächliches Chaos für bestimmte Typen das normalste der Welt ist – und dass viele erfolgreiche Menschen in den Augen der “logischen Ordner” absolute Chaoten sind.

Zwei weitere Lesetipps dazu:
Chaostage im Büro
Ein bisschen Chaos macht kreativ

Abgelegt in: Business

7 Kommentare:

Falls es dich interessiert: Ich habe mit der Autorin auch ein Interview geführt – das findest du hier:
http://karrierebibel.de/kontraproduktive-zeitdiebe-interview-mit-cordula-nussbaum/

Danke für den Tipp, das Interview ist sehr lesenswert, nur ein Beispiel: “Für sie ist oftmals alles wichtig, alles Neue hat automatisch Prio Nummer Eins, weil es soooo spannend klingt.” – Oh wie bekannt kommt mir das schon wieder vor.

ich persönlich – wenn gleich sehr technikaffin – bevorzuge nach wie vor ein schönes kleines papierbüchlein für Termine, Notizen und Aufgaben.

Großartig geschrieben! So macht auch das Online-Lesen längerer Artikel Spaß.

Nach dem Lesen unzähliger Bücher und Artikel zu dem Thema hat sich bei mir die Erkenntnis durchgesetzt, dass die meisten dieser “Systeme” viel zu umständlich sind. Aber die 300 Seiten eines Buches wollen gefüllt sein und wenn dann noch eine Fortsetzung geschrieben wird…tja!

Auch die Anleitungen zum Vereinfachen halte ich für die meisten Menschen für zu kompliziert. Deshalb bemühe ich mich inzwischen um die Vereinfachung der Vereinfachung.

Schlechtes Gewissen: kenn ich!

Sinnvoll ist, sich aus der Vielzahl an Systemen und Tipps die herauszusuchen, mit denen man sich selbst wohlfühlt. Die haben dann auch eine gute Chance auf Umsetzung und das Durchhalten dabei.

Eine Kombination aus Outlook und PDA funktioniert für mich gut, denn so gehen Notizen nicht mehr verloren, müssen Kontaktinfos nicht mehr per Hand übertragen werden und bekommen Aufgaben und Termine (unbedingt trennen!) ihren Platz.

Falls es Dich beruhigt: Es liegt nicht an Dir, unser Leben gewinnt zu sehr an Komplexität. ;-)

Oliver, danke für dein Lob.
Richtig ist, dass die meisten Systeme in der Tat für Leute gedacht sind, die dieses Systeme eigentlich gar nicht bräuchten. Deshalb finde ich das Buch über die “Kreativen Chaoten” eine derart wohltuende Ausnahme. Die Autorin weiß offenbar genau, dass Menschen verschieden sind.

Oh ja, die PDA-Phase hatte ich auch mal ne zeitlang. Hat eigentlich nie funktioniert. Dabei habe ich vom Atari Portfolio an alles mögliche ausprobiert, u.a. einen Compaq iPaq oder einen Handspring Visor, auch ein Palm III irgenwas war mit dabei.
Der einzige PDA, der wirklich gut funktioniert hat, war ein Psion 3mx. Leider überlebte der einen Transport im Rucksack auf dem Fahrradgepäckträger nicht: Der Rucksack war gefüllt mit dicken Physikbüchern, fiel vom Gepäckträger und landete so, dass die Bücher den Psion unter sich begruben.:-/

[…] die Berücksichtigung der unvermeidlichen Tatsache, dass Menschen unterschiedlich sind, ist das Buch über die “Kreativen Chaoten”, das ich hier kürzlich besprochen habe. Doch nun stolpere ich über einen Artikel, der die alte Mär vom erfolgreichen […]

Immer wieder beachtlich wie ausführlich und genau du über Themen schreibst. Danke dir dafür!

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