Öko-Guerilla-Bloggerin vs. Tchibo – und die Rolle von Spreadshirt

Stefan - 19. Juni 2008

Was passiert, wenn eine Bloggerin bei Tchibo ein individuell angefertigtes T-Shirt bestellt mit der Aufschrift „Dieses T-Shirt hat ein Kind für Tchibo genäht“? Tchibo liefert brav und wundert sich hinterher über schlechte Publicity. Dieser Clou ist Kirsten Brodde gelungen, die sich für faire Arbeitsbedingungen in den Betrieben der großen Bekleidungshersteller einsetzt. Sogar SPON berichtet darüber.

Was allerdings zumindest im Spiegel-Bericht untergeht, ist die Rolle von Spreadshirt. Denn Tchibo kooperiert mit Spreadshirt, und letztere sind komplett für die Herstellung der Tchibo-T-Shirts verantwortlich. Und von einem hippen, coolen, webzweinulligen Betrieb hatte ich durchaus erwartet, dass sie sich zumindest etwas für die Produktionsbedingungen in den Fabriken ihrer Partner in Bangladesh und Co. interessieren. Was aber die Pressesprecherin Eike Sievert dazu zu erzählen weiß, ist schon fast Realsatire:

Woher kommen die Shirts von Spreadshirt, Frau Sievert? Von vielen hundert Zulieferern aus aller Welt, erklärt sie. Was wisse man über deren Produktionsbedingungen? Man ließe sich schriftlich zusichern, dass es keine Kinderarbeit gäbe. Glaube man das einfach? Wir können doch keine Leute nach Asien schicken, um Kontrollen zu machen, sagt Frau Sievert.

Quelle: kirstenbrodde.de

Derartige Ignoranz würde man erwarten von Konzernen wie eben Tchibo, aber nicht von einem Betrieb, der auf der Web2.0-Welle mitschwimmt und viel von Offenheit redet: Da gab es das „Open Logo Project“ und auf der Website kann der geneigte Betrachter mittels Videos einen Blick in die Leipziger Büros tun. Und richtiggehend lächerlich wird das ganze, sieht man sich im Spreadshirt-Blog um. Da gab’s erst diese Woche einen Beitrag mit dem schönen Titel Menschenrechte auf Baumwolle?. Tolle Selbstbeweihräucherung – aber keine Ahnung haben von den Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken, in denen diese T-Shirts produziert werden.

Abgelegt in: Web 2.0

35 Kommentare:

Guten Tag, ich melde mich als genannter „Beweihräucherer“ zu Wort. Das Thema Lieferanten ist in der Tat sehr wichtig. Und ich gebe gerne zu, dass ihm bislang wenig, zu wenig, Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ein erster, und bereits vor geraumer Zeit initiierter Schritt sind aber die „Code of Conduct“-Erklärungen, die Spreadshirts Lieferanten unterzeichnen müssen. Sie, die Lieferanten, verpflichten sich darin, für faire Produktiosnbedingungen zu sorgen. Dass es schwierig ist, selbst die Einhaltung zu überwachen, wird einleuchten.

Hier sind aus unserer Sicht auch – ich betone „auch“ – die Konsumenten gefragt. Wer das billigste Shirt am Markt kauft, weiß, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es unfair produziert wurde. Ein Umdenken und eine Bereitschaft, insgesamt weniger, dafür aber höherwertige Artikel zu kaufen, ist gefragt. Diese Einstellung probieren wir im Blog ebenfalls zu befördern.

Es ist sehr leicht, hier einzelne Anbieter herauszugreifen. Tatsächlich ist, wenn überhaupt, die gesamte Branche zu kritisieren. Ziel muss es sein, Konsumenten zu erziehen – und nicht bei pauschalen Angriffen stehenzubleiben.

Hallo Michel,
vielen Dank für deine schnelle Rückmeldung.
Meine heftige Reaktion hat sicherlich damit zu tun, dass ich von Spreadshirt einfach erwartet hatte, dass sie als modernes Unternehmen selbstverständlich auf die Produktionsbedingungen achten. Da mir nun, auch durch die Antworten eurer Pressesprecherin, klar wurde, dass ihr darauf nicht stärker achtet als ein beliebiger Konzern, bin ich einfach enttäuscht – und Enttäuschung führt bekanntlich zu besonders heftigen Reaktionen.
Wobei mich eine Antwort wie „Ja wir wissen, dass wir mehr Augenmerk auf die Zustände bei unseren Zulieferern richten müssten, dass dann aber unsere Preise nicht mehr konkurrenzfähig wären“ nicht so schockiert hätte wie die offensichtliche Ignoranz zu diesem Thema.

Natürlich hast du recht, dass die Konsumenten eine erhebliche Mitschuld trifft. Und es ist ehrenhaft, wenn ihr das „im Blog ebenfalls zu befördern“ versucht. Schöner aber wär’s, wenn das Unternehmen als Ganzes hier mehr Wert darauf legen würde. Habt ihr irgendwo eine Liste mit Zulieferern online? So wie Nike unter http://www.nikeresponsibility.com/ – dann wäre nämlich der Code of Conduct eventuell auch durch Dritte zu kontrollieren. Ansonsten ist er die Bytes nicht wert, die er auf euren Festplatten einnimmt.

Hallo Stefan,
eine solche Liste ist nicht online, ich werde nachfragen, ob das machbar ist oder überhaupt erwogen werden kann. Im Sinne der Transparenz, ein wichtiger Unternehmenswert, wäre es zu befürworten. Das ist aber leider nicht meine (Entscheidungs-)Domäne.
Wir sind über Anregungen und auch heftigste Kritik weiterhin dankbar – sofern die Anstrengung zu erkennen ist, Verbesserungen herbeizuführen und nicht Neid oder Missgunst die Feder führen. Das ist ja Web 2.0 – und wenn wir uns schon nicht in rein ökonomischer Hinsicht von dem Rest der Meute unterscheiden, so stellen wir uns doch immer der Kritik und bleiben zugänglich (Forum, Blog) und damit auch verwundbar. Auch wir müssen uns ändern: und „yes we can“, um es mal pathetisch zu sagen.

„Woher kommen die Shirts von Spreadshirt, Frau Sievert? Von vielen hundert Zulieferern aus aller Welt“

Stimmt so doch nur indirekt – wenn man sich auf der Webseite umsieht, dann sind die Lieferanten „Continental Clothing“, „FOL – Fruit of the Loom“, American Appareal etc. Woher die natürlich die Ware beziehen, geht erst einmal nicht hervor.

Spreadshirts Sortiment ist gemischt : ein Großteil der Artikel ist von namhaften Anbietern, also Markenware, dann gibt es noch ein paar weniger bekannte, aber trotzdem sehr große Lieferanten wie B&C Clothing. Ein geringer Teil wird tatsächlich exklusiv für Spreadshirt produziert.

[…] als Abwickler für Tchibos T-Shirt Bestellungen agiert, gibt es auch zu denen einen Artikel: Öko-Guerilla-Bloggerin vs. Tchibo – und die Rolle von Spreadshirt, in den Kommentaren äußert sich ein Mitarbeiter von Spreadshirt. Ganz im Gegensatz zu […]

[…] dass Spreadshirt auch Bio-Baumwolle anbietet. Wie Spreadshirt etwas versteckt in der Diskussion auf anderen Blogs mitteilt, gibt es mittlerweile einen Code-of-Conduct, der die Lieferanten auf faire […]

mhh spreadshirt für mich ganz gut aber es gibt auch andere bessere bzw genauso gute anbieter für t-shirt druck…
tchibo selbst schuld…

ich habe zu dem ganzen thema einen weit ausholenden, um bestmöglichste differenzierung bemühten und mit massig quellenmaterial ausgearbeiteten artikel geschrieben:

http://www.utopia.de/wissen/ratgeber/wie-spreadshirt-ausbeutung-foerdert-was-tchibo-damit-zu-tun-hat-und-wie-utopia-damit

dort habe ich versucht, alle für das zu kritisieren, für was sie zu kritisieren sind, und zwar in dem maße, wie es ihnen zusteht. wens als horizonterweiternde zusammenfassung interessiert…

Hier stellt sich auch die Frage, ob der T-Shirt-Bedrucker die Texte seiner Kunden prüfen muss.

Ruth,
die Texte kontrollieren muss er IMHO nicht, aber das war ja auch nie die Kontroverse, sondern nur der medienwirksame Aufhänger. Der Knackpunkt ist ja vielmehr, dass Spreadshirt offen zugibt keine Ahnung von den Produktionsbedingungen ihrer Hemdchen zu haben.

hallo
eine überwachung der produzierten firmen ist doch heute gar keine schwierigkeit mehr.
LGA/TÜV NÜRNBERG oder auch intertek führen sogenannte factory audits durch…dabei werden arbeitsbedingungen etc. geprüft und zertifiziert…..das können firmen in regelmässigen abständen beantragen…oder uch ungeplant
fragen sie doch mal bei tchibo nach, ob dies gemacht wird
die social code of conduct bringen doch gar nichts….das kann jeder irgendwo einfach ausfüllen und abstempeln
das heißt noch lange nicht, dass die lieferanten dadurch überprüft werden

Da musste ich auch gerade erst einmal nachlesen und muss sagen, dass ihr da ein ganz schön kluger Schachzug gelungen ist. Eine so starke Aufmerksamkeit auf ein solches Thema zu lenken, war sicher nicht so leicht. Umso mehr zolle ich meinen vollsten Respekt und hoffe, dass es etwas bewirkt.

Endlich mal ein Thema, bei dem man wirklich froh ist, wenn es so weit wie möglich verbreitet wird! Der 10seitige Brief, den ich mir soeben durchgelesen habe, spricht Bände-denn von wahrer Einsicht bzw Änderungsbewusstsein kann ja keine Rede sein…

RUth, wieso sollte er? Dafür ist jeder selbst verantwortlich!

Das ist wirklich heftig, die kontrolle darüber stellt nun wirklich kein Problem da. Es ist eine reine logistische Angelegenheit. Die Qualität und Verarbietung ist ja im Rahmen, aber trotzdem sollte man, schon alleine bzgl. der rechten Szene und anderen Gruppierungen ein Auge drauf halten. Ja, ja, es muß ja alles Preisagressiv sein….

[…] Fragen gestellt bzw. Anregungen gegeben wie in Basic Thinking, oder (mit Abstriche) in "Stefan Fischerländer´s Blog", in dem sich eine lebhafte Diskussion entfachte, gab es allerdings so gut wie nicht, auch […]

Die Aktion ist wirklich gelungen. Leider gelingt es nur durch so drastische Maßnahmen, die Bevölkerung zu sensibilisieren. So genau wollen die meisten Konsumenten doch gar nicht wissen, wo und unter welchen Bedingungen ihre Billigklamotten entstanden sind.

Das Preisleistungsverhältniss ist schon länger mehr wie kaputt , nur deshalb kann man Qualität, mit solch traurigem Hintergrund produzieren. Finde deine Seite echt gut, stark das so Themen auch mal in offenen Diskussionen platziert. Man müßte als Endverbraucher viel öfter hinter den Kulissen des heutigen Konsum´s schauen, denke das man seine Einstellung gewaltig ändern würde.

Meiner Meinung nach sieht es genauso aus mit dem P-L-Verhältnis, wie coco es sagt.
Es ist kaputt und viele schauen nicht hinter die Kulissen-was genau steckt hinter meinem Markenshirt?
Viele wissen nichtmal, was für Arbeitsbedingungen die Menschen beispielsweise in China haben…

Gibt es dafür eigentlich rechtliche Konsequenzen von S***shirt?
Oder ist es sozusagen denen egal, weil das nicht in deren Interessensbereich liegt?
Das würde mich doch mal interessieren.

@alle: Danke für die interessanten Feedbacks!

@Lothar, ricarda: Klar, technisch und organisatorisch ist das alles gar kein Problem; aber es verursacht Kosten, die irgendwann der Kunde tragen muss.

@coco, Gima: Die Geiz-Mentalität ist sicherlich eines der Grundübel. Aber ein Produzent kann nur dann höhere Preise durchsetzen, wenn er entsprechend offen informiert. Und genau das ist ja zumindest mein Hauptkritikpunkt.
Wobei das natürlich nicht einfach ist für Spreadshirt: Bieten sie nur noch teurere Shirts aus „guter“ Produktion an, springen die preissensiblen Kunden ab. Stellen sie aber für die – jetzt ja auch schon vorhandenen – „gut“ produzierten Shirts die Vorteile bei der Produktion offen heraus, sagen sie quasi zugleich: ‚Aber unsere Billigshirts werden unter obskuren Bedingungen, die wir nicht im geringsten kennen, hergestellt.‘ – Das wäre wohl auch nicht gut fürs Geschäft. Fazit: So lange der Großteil der Menschen nur auf den Preis achtet, müssen solche Aktionen sein um das Bewusstsein zu schärfen.

Ich finde es einfach nur zum kotzen da vor allem Spreadshirt mit Ihrem „guck wir haben Bio Baumwoll Shirts“ Umwelt Image kommen und dann sowas. Das die ganz großen das machen ist klar aber Spreadshirt wirkte eben etwas frischer und nicht so abgebrüht. Das ist traurig. Erinnere mich noch an die damaligen Ikea Skandale die daraufhin dann aber vieles geändert haben, sogar sehr zum positiven. Hoffentlich passiert das hier und bei vielen anderen genauso.

hallo, ich habe nochmal unsere antwort zu dem thema verlinkt (auf meinen namen oben klicken).
fakt ist: die shirts die fr. brodde bestellt hat, stammen – soweit wir das beurteilen können – nicht aus kinderarbeit. und leider muss ich dem widersprechen, dass das mittlerweile alles „so einfach“ ist, z.b. mit einem TÜV audit etc.. sicher – audits sind besser als social conducts, und man kriegt einen schein mehr, den man bei einer guerilla aktion vorzeigen kann.
aber eine garantie ist das nicht, und audits alleine lösen das problem der kinderarbeit auch nicht, im gegenteil (s. artikel in der TIME den ich verlinkt habe). leider ist das thema komplexer – es hilft nur eine kombination von verschiedenen maßnahmen, und nicht jeder der einen code of conduct nicht unterschreibt hat dreck am stecken (sondern vlt. eigene standards und keine lust, 100 verschiedene code of conducts zu unterschreiben).

kurzum: wir sind da nicht perfekt, aber wir achten schon immer darauf, woher wir unsere shirts beziehen. derzeit arbeiten wir an herstellernachweisen (@stefan – wir sind nicht abhängig von einzelnen lieferanten, das problem ist eher die konkreten herstelleradressen zu bekommen – und dann die frage, was die produktionsstandorte genau aussagen)

Ami,
danke für deine ausführliche Stellungnahme.
Ob die T-Shirts von Fr. Brodde von Kindern genäht wurden oder eben nicht, ist überhaupt nicht der Punkt. Entscheidend ist, dass ihr das jetzt immer noch nicht sicher sagen könnt. Das macht deutlich, dass das Thema „Lieferanten und deren Herstellungsbedingungen“ ganz offensichtlich bei Spreadshirt nicht ernst genommen wurde.
Ich freue mich aber zu hören, dass ihr da jetzt nachbessert und das Thema ernster nehmt. Hoffentlich könnt ihr die damit einhergehenden Schwierigkeiten meistern!

Hallo Leute,
ich finde Eure Diskussion wirklich von großer Bedeutung.
Aber, meine Frage an Euch:
Wer wäre denn bereit, für ein Shirt mehr zu zahlen, wenn es bewiesen wäre, dass es unter „humanen“ Bedingungen (zB eine vom TÜV abgenommene Fabrik) hergestellt wurde?
Und würde das der Großteil der Kunden auch so sehen, dass sich der Aufwand lohnt?

Ich würde nicht nur mehr bezahlen, ich versuch das auch zu machen. Jetzt weiß ich zwar nicht, ob all meine Klamotten „sauber“ produziert wurden, aber wer sich von „Geiz ist geil“ fernhält, macht es den Produzenten zumindest leichter, sauber zu kalkulieren.

Einer von 80 Mio. , wenn wir von Deutschland ausgehen!?

Ganz so schlimm ist es IMHO nicht, aber trotzdem steht noch viel Überzeugungsarbeit vor uns. 🙂

@Daniel, du fragst uns, ob wir bereit wären mehr für ein T-Shirt zu zahlen.
Und ich sage da, ein ganz klares Ja.
Ganz gleich, wie hoch der Preis dann ist, ich wäre dazu bereit. Dann kaufe ich lieber weniger, aber dafür gute Sachen.

Also wenn die Arbeitsbedingungen so schlecht sind dann müssten wir alle nur noch nackig rumlaufen oder wer sagt mir das die T Shirts die ich 3 St für 5 € die ich beim Discounter um die Ecke sind nicht auch von solchen Firmen in der 3ten Welt kommen. Das ist halt die Globalisierung – man will billig einkaufen und auf der anderen Seite schimpft man über die Konzerne das Sie Kinderarbeit zulassen. Schöne Doppelmoral.

Meine Doofe Frage !

Kann man mit Spreadshirt Millionär werden ??

Ich sage ja wenn man die coolsten T Shirts generiert und Sie dann an die geilsten Typen und Tussys verkauft. Also derzeit ist ja das Oktoberfest der tolle Renner für Spreadshirt Shirts.

Viel Spass mit den Shirts und auch auf dem Oktoberfest.

Gruss Hans.

Sehr interessant und da kann man noch weiterdenken.

@hans, man kann zwar nicht sofort Millionär werden, wenn man aber anstatt des völlig veralteten und desolaten Systems von Spreadshirt das von Shirtinator einsetzt, dann kann man zumindest rund 10.000€ damit pro Monat verdienen.

Bewege mich selbst in diesem Bereich, die Summe ist sehr realistisch.

Gruß, Spreadinator

Wirklcih gut gepostet!! Gratuliere.

Ja, alles sehr kontrovers.

Letztendlich entscheidet der Kunde über die Lage in einer Branche.

Die Milchbauern gehen kaputt, weil die Kunden den Discountern die Macht geben, die Preise so zu drücken,
dass ein Überleben nicht möglich ist.

Ähnliches findet auch in der Druckindustrie statt.

Und was passiert bei steigenden Papierpreisen, höheren Energiekosten und 50 % niedrigeren Preisen innerhalb von 2 Jahren?

Dumpinglöhne oder die Insolvenz.

Insoweit – kauft T-Shirts zu fairen Preisen.

Aber wer macht das schon freiwillig?

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