Tim O’Reilly: Was die Leute am Web 2.0 immer noch nicht verstanden haben

Stefan - 5. November 2007

Das Web 2.0 mag zwar die Welt verändern, dass Keynotes mindestens 20 Minuten zu spät losgehen, hat aber auch in der guten neuen Zeit noch seine Gültigkeit: Die Keynote von Tim O’Reilly zur Web 2.0 Expo in Berlin startete mit der obligatorischen Verzögerung. Was danach kam, war wenig Vision, aber viel solide Orientierung für die zunehmend unübersichtlicher werdende Web 2.0-Welt.

O’Reilly, und das dürfte auf den Verlag wie auf die Person gleichermaßen zutreffen, möchte die Welt verändern. Das Mittel dazu ist die Berichterstattung über Menschen, die neues wagen: Über Kids, die begonnen haben, WLAN-Netze aufzubauen, als WLAN nichts anderes als eine langweilige Unternehmensanwendung war. Über Webprogrammierer, die schon vor zehn Jahren die Inhalte von fremden Websites extrahiert und in eigene Anwendungen eingebaut haben. Heute nennt sich das Web-Services und ist eines der zentralen Bestandteile des Web 2.0. Aber auch die Apple-Gründer, die in ihrer Garage den ersten Personal Computer in einer Holzkiste zusammenzimmerten oder die Jungs, die zwei Skier zusammennagelten und so das Snowboard schufen, sind für Tim O’Reilly „Hacker“, die neue Dinge kreieren und so die Welt voranbringen.

Web 2.0 Expo Berlin: Tim O'Reilly Keynote

Was aber haben nun die Menschen am Web 2.0 noch nicht verstanden? Ein wesentliches Missverständnis sei, so O’Reilly, die Annahme, es handele sich um eine Software-Revolution. Doch Web 2.0 ist vielmehr eine Datenrevolution. Gerade am Beispiel der vielen kartenbasierten Anwendungen zeige sich, dass die wahre Macht bei den Karteneigentümern liege. Schließlich stehe in den Google Maps immer der Copyright-Hinweis „c by Tele Atlas“.

Ebenso wird dem Verleger O’Reilly zufolge unterschätzt, welche Rolle User-Generated-Content – ein weiteres der vielen Web 2.0-Buzzwords – für den Erfolg von Google spielt. Nicht nur, dass Google als Suchmaschine buchstäblich nicht existieren würde, wenn nicht viele Millionen Menschen im Web publizierten. Der entscheidende Vorteil von Google, die Verlinkungsanalyse, besser bekannt unter dem Stichwort PageRank, beruht einzig und allein auf User-Generated-Content.

Die wirkliche Macht aber liegt bei den Plattforminhabern. „A Platform beats a software everytime“, resümiert O’Reilly mit Blick auf eine Reihe von Beispielen, wo jeweils der Plattform-Gigant Microsoft kleinere Marktführer verdrängen konnte: MS Excel schlug Lotus 123, MS Word schlug WordPerfect und der Internet Explorer verdrängte den Netscape Navigator. Die spannende Frage, ob der IE im Browserkrieg der späten Neunziger wirklich siegreich gewesen wäre, hätte Netscape damals nicht eine derart miese und verbuggte Version auf den Markt geworfen, wird wohl für immer ungeklärt bleiben, kann aber das Plattform-Argument nicht entkräften.

Richtig interessant aber wird es, blickt man auf die verschiedenen Plattform-Modelle. Microsoft verfolgt demnach das gute alte „One ring to rule them all“-Motto, das auf der monopolartigen Verbreitung seines Windows-Betriebssystems beruht. Im Webzeitalter hingegen ist eine Plattform, die verschiedene Einzelanwendungen zu kombinieren weiß, am erfolgversprechendsten.

Über die Plattform-Metapher kommt Tim O’Reilly schließlich zum derzeit heißesten Thema im Web 2.0 und natürlich auch dieser Konferenzen – den Sozialen Netzwerken. Überraschend kurz bleibt dabei seine Anmerkung zu Googles OpenSocial („it’s not really open“), dann aber geht’s ans Eingemachte. Soziale Vernetzung ist ja keine Erfindung des Web 2.0, sondern nur eine Abbildung der bestehenden realen Welt da draußen. Und viele Unternehmen kennen bereits die sozialen Netze ihrer Nutzer, etwa die Telefongesellschaften oder die Betreiber von Instant-Messenger-Diensten. „Wieso bilden die nicht meine wirklichen Beziehungen ab?“, fragt O’Reilly und seine Stimme überschlägt sich an dieser Stelle geradezu. „Und wie lächerlich ist es da, wenn mir mein Handy lediglich meine zehn zuletzt gewählten Nummern anzeigt?“

Nach einem kurzen Loblied auf Apple iTunes, der „vermutlich wichtigsten Web 2.0-Anwendung“, schließt der Mann, der die Web 2.0-Welle erst losgetreten hat mit einem Ratschlag an alle angehenden Web 2.0-Unternehmer: „Richtet eure Anwendungen an der Welt aus, wie sie sein wird, wenn die Anwendung rauskommt, nicht an der Welt, wie sie ist, wenn ihr startet.“

Tags:

Abgelegt in: Web 2.0

5 Kommentare:

Hm… ich hab die zweite Folie mit den Plattformen etwas anders verstanden.
Klar: Wordperfect etc wurden verdrängt von den genannten. Aber ich hatte den Eindruck, daß die Folie auch gleich eine Art Vorschau darstellte, was als nächstes verdrängt wird. Nämlich die MS-Produkte, die ja nur auf Clients laufen; Als ablösende Plattform wären dann die Onlinetools von Google und Yahoo in den Startlöchern..

Web2Expo: No coffee … help! :)…

Ups, mein Eintrag auf dem Feedback-Forum von der Web2Expo, traf wohl ziemlich auf Zustimmung

Ich hatte erwartet, daß der doch etwas peinliche Hinweis im Feedback-Forum der Web2Expo darauf, daß es neben Kübelwasser keine Getränke und vorallem kein…

xwolf, ja ich glaube auch, dass das ein Beispiel aus der Vergangenheit war und zeigen sollte, wie’s in der Zukunft kommen wird. Die zu seiner Zeit mächtigste Plattform war MS Windows und das half, um Wordperfect und Co. abzulösen. Heute ist das Web die mächtigste Plattform und die wird helfen, MS Word plus Konsorten abzulösen. Die Geschichte wiederholt sich halt doch immer wieder.

Toller Beitrag, habe leider immer noch nicht verstanden was web 2.0 dann anders macht. Aber denke ist auch egal 😉

meiner meinung nach ist web 2.0 nichts anders als ein modewort für die neuen technologien und deren einsatz im heutigen www. user stellen eigene inhalte zur verfügung und nicht mehr der betreiber selbst..das wird genau genommen unter user generated content zusammengefasst ..also ein typischer begriff, der im web 2.0 häufig verwendet wird

Schreibe einen Kommentar
benötigt
benötigt (wird nicht angezeigt)
optional

Suchen